2005     Simultan

Ein zweiseitiger Raum wie aufgeklappt: schwarz und weiß, im Komplementärkontrast. Die Fläche ähnelt, würde man durch eine Lupe schauen, einem überdimensionierten Brettspiel à la Dame, Mühle, Schach. Schwarz -weiß definiert dort die Kontrahenten, die ihre Spielzüge planen, strategisch handeln und sich spielerisch ihre Zweikämpfe liefern. Zwei Territorien für Läufer und Pferd, König und Königin.

Eine Eröffnung.

Im Tanzraum bewegen sich ein Performer und eine Performerin, Mann und Frau. Die beiden Spielfelder haben magnetischen Charakter, in denen sie sich anziehen und abstoßen, ihre eigene Welt gestalten, verlassen und neu definieren. Sie erinnern an Kugeln in Flipperautomaten , die in verschiedener Rhythmik und Dynamik als Spielbälle ihrer Energie in einem erweiterten Ich-Raum agieren.
Was stößt sie an und was entfernt sie voneinander? Gibt es so etwas wie Regeln des Zusammentreffens? Die Psychologie spricht von wechselseitigen Energien in einer Begegnung. Wie organisieren sich Erfahrung, Präsenz, Zielrichtung – Geruch, Geschmack und das gesamte Feld der individuellen Vorlieben? Was erfahren wir als Impuls und wie spielen wir ihn zurück? Wann wird die innere Grenze spürbar und wo beginnt der Rückzug?
Simultan erforscht diese Spielregeln im Ausloten des Raums und der Möglichkeiten, die er entwirft. Dabei wird die Grenze zum Ort zwischen Irritation und Stabilisierung oder zur Zone, die feine Bewegungsmuster zulässt.

 

Pressestimmen zu Simultan

Gemeinsames Gegeneinander ohne Grenzen

Gleichzeitig agieren Vivienne Hötger und Benjamin Degenhardt, doch nicht gleich. Jeder scheint für sich zu tanzen, vollführt ähnliche Gesten desinteressiert am anderen, während die Schatten der beiden mal verschwommen, mal als klare Silhouette über die Wände huschen. Das Zusammenkommen und sich wieder Entfernen ist Thema von „Simultan“, das das Lalun Ensemble in Koproduktion mit dem Ringlokschuppen entwickelte. Denn schnell wird aus dem Wegsehen ein Hinsehen, übertreten die Tänzer fast provokativ die schwarz-weiße Trennlinie. An ein Spielfeld, an Dame oder Schach erinnert die Kulisse. Da werden die Performer zu Spielern, die Grenzen überschreiten, ihre eigenen ausloten, sich in Gesten annähern. Und das nicht ohne Witz, denn Stück für Stück wird die graue Wand im Hintergrund demontiert, verbergen sich hinter den Quadraten Fächer, Türen, Fenster. Da kommt gar ein Mixer zum Vorschein, rührt Vivienne Hötger ein Getränk an – teilt es mit ihrem Kontrahenten. Doch lange währt das Gemeinsame nie. Ein steter Wechsel von Anziehen und Abstoßen ist es. Da spielen sich die Tänzer mal die Bewegungen förmlich zu, nähern sich in ihren Gesten immer mehr an, bewegen sich gar streckenweise synchron. Dann folgt wieder ein Bruch. Am Ende gehen beide in ihre Hälften zurück. Das Spiel ist vorbei, die Grenzen bleiben bestehen.

Waz, 19.3.05

Ein ironisches Zickenduell

Zwei Kontrahentinnen setzt die …Choreografin Claudia Küppers wie Schachfiguren auf eine schwarz-weiße Spielfläche.
Wenn die beiden ausdrucksstarken Tänzerinnen (Julia Riera und Katarina Kleinschmidt) zu Beginn mit ausgefeilten Isolations-Abfolgen die Glieder einzeln kreisen und ruckeln lassen, fasziniert vor allem die Ästhetik ihrer Bewegungen. Geometrische Kantigkeit und schwungvolle Linien gehen fließend ineinander über, so dass die Struktur des Kontrasts schon in jedem einzelnen Körper zu sehen ist, In die zunächst formale Anlage drängeln sich die Emotionen wie Giftschlangen. Soli werden durch feine Nuancen in der Ausrichtung zu Provokationen, die Duos zum Wettkampf. So konkretisiert sich die anfängliche Abstraktion in einer tanztheatralen Abhandlung über ein feines Beziehungsgeflecht – ein großartig ironisches Zickenduell – dessen vorhersehbare Psychologie durch intelligente choreografische Auflösungen überraschend durchbrochen wird.

Nicole Strecker, Kölner Stadtanzeiger, 9. November 2005

Tänzerinnen als Könige des Schachspiels

Claudia Küppers stellt mit der Transformation ihres Tanztheaters auf ein Schachbrett hohe Anforderungen an die Vielseitigkeit ihrer Tänzerinnen. Montageartig werden weitere Assoziationen zur Schwarz-Weiß-Thematik aufgegriffen… Matt war am Ende nur das Publikum. Überwältigt von der Schönheit des fließenden Übergangs zum Schluss blieb es totenstill, bis das letzte Licht erloschen war. In Kombination mit dem anschließenden Beifall das wohl größte Kompliment an das Lalun Ensemble.

Schwerter Zeitung vom 28.4.2006

Getanzter Disput voller Ästhetik

Bei der zweiten Veranstaltung des achten Festivals „Tanztheater Schwerte“ begeisterte das Düsseldorfer Lalun Ensemble mit ihrer jüngsten Choreographie „Simultan“ das Publikum… Julia Riera und Katarina Kleinschmidt tanzten einen Disput voller Ästhetik…ein Belauern und Beschnuppern, ein Wechselspiel der Emotionen: Gefühl als Bewegung. Kleinschmidt und Riera bilden dabei eine kreative Gemeinschaft, in der aber jede durch Individualität und dynamischen, emotionalen Tanz brilliert…Eine äußerst gelungene Aufführung, ästhetisch und tänzerisch höchst anspruchsvoll.
Die Begeisterung der Zuschauer zeigte sich durch lang anhaltenden Applaus, der die Künstlerinnen immer wieder auf die Bühne holte.

Christel Radix, Schwerter Rundschau, 28.4.2006

 

Tanz/Choreographie Benjamin Degenhardt, Vivienne Hötger
Tanz (Umbesetzung) Julia Riera und Katarina Kleinschmidt
Konzept/Choreographie Claudia Küppers
Raum/Kostüme Eduardo Seru.
Licht Gernot Schmiedberger
Coaching/Management Klara M. Weber
Musik Dok Oval, Pierre Henry, u.a.
Foto Nicole Rosemann, Gernot Schmiedberger, Weiner

 

Eine Produktion von Lalun Ensemble in Koproduktion mit dem Ringlokschuppen Mülheim
gefördert von der Kunststiftung NRW, Regionalverband Ruhr und MoveArts e.V.